Wie jedes Jahr um diese Zeit rollt ein Zug ins Wendland, der mit hochradioaktiven Brennstäben, in Castoren verpackt, beladen ist. Am Bahnhof Dannenberg werden die Castoren auf Tieflader verladen und weiter auf der Straße ins Zwischenlager Gorleben transportiert. Dagegen protestieren die X-Frauen mit vielen tausend anderen Menschen nun schon seit über 10 Jahren. Kurzfristig wollen wir den Transport aufhalten, langfristig soll er verhindert werden.
Bisher hatten sich die X-Frauen dem gewaltfreien Widerstand von X-tausendmal quer angeschlossen und an Sitzblockaden teilgenommen. Da wir mitlerweile in die Jahre gekommen sind und Blockaden bis zum bitteren Ende uns zu müselig erscheinen, definieren wir unsere Aufgabe diesmal anders. Während der Aktionen wollen wir vor Ort sein, beobachten, vermitteln, beruhigen. Auf diese Weise sind wir an keinen Ort gebunden und können kommen und gehen wie es uns entspricht.
Samstag: Nach der großen Auftaktdemo in Dannenberg erkunden wir mit dem Auto das Wendland zwischen Hitzacker und Gorleben, Lüchow und Gedelitz. Es wird bereits dunkel. In jeder Ortschaft werden wir von Polizeikontrollen angehalten, einmal auch an der Weiterfahrt gehindert. Die Beamten verhalten sich durchweg freundlich und respektvoll. In Pisselberg hat die Polizei gerade einen “Angriff” mit Silvesterraketen überstanden. Sie erzählen ruhig und gelassen davon. An der Bahnstrecke Lüneburg – Dannenberg werden die Übergänge überwacht und ausgeleuchtet. Außer den 3 bis 4 PolizistInnen keine Menschenseele. Die Straßenränder zwischen Gorleben und dem Zwischenlager sind durchgängig mit Gitterzäunen abgesperrt und ebenfalls hell beleuchtet. Auf der Castorstrecke steht an allen Waldwegen ein Polizeifahrzeug. Die fluorezierenden Schriftzeichen wirken unheimlich auf uns.
Wir besuchen das Camp von X-tausendmal quer in Gedelitz, wo wir an der Versammlung des SprecherInnenrates teilnehmen. Dort teffen sich die SprecherInnen der Bezugsgruppen, um die Vorbereitungen für die geplanten Aktionen zu erörtern. Sie könnten unsere Enkel sein. Die dritte Generation im Gorlebenwiderstand. Bis Samstag morgen wird nichts passieren. Alle könnten ruhig und lange schlafen. Auch wir kehren in unsere Unterkunft zurück.
Sonntag: Der Castorzug ist immernoch auf der Schiene unterwegs, irgendwo in Süddeutschland. Mit dem Auto fahren wir an die Bahnstrecke nach Hitzacker, dorthin wo sich 4 Menschen von der bäuerlichen Notgemeinschft in einer Pyramide aus Beton angekettet haben und schon seit Stunden auf den Gleisen liegen. Die Polizei bemüht sich vergeblich darum, den Betonklotz von den Gleisen zu kriegen. Der Bereich dieser erstaunlichen Aktion ist abgesperrt. Beidseitig entlang der Strecke sitzen mehrere hundert Demonstranten auf den Gleisen, und es werden immer mehr. Wir setzen uns für einige Stunden dazu. Es beginnt zu regnen. Unser Regenschutz reicht nicht aus, um noch länger einigermaßen trocken zu bleiben. In den frühen Abendstunden fahren wir auf der Castorstrecke Dannenberg, Quickborn, Gorleben in unsere Unterkunft. Auf der ganzen Strecke weder Polzeikontrollen noch Polizeifahrzeuge. Spät abends sind die Gleise geräumt, die Pyramide ist ebenfalls entfernt. 15 Stunden hat sie die Bahnstrecke blockiert.
Montag: Ein sonniger und windstiller Tag. Der Castorzug hat Dannenberg erreicht. Die ersten Castoren von insgesamt elf sind bereits auf Tieflader verladen, um später auf der Straße weiter ins Zwischenlager Gorleben transportiert zu werden. Diesmal fahren wir mit dem Rad an die Straße vor Gorleben. Hier hat X- tausendmal quer in der Nacht die Straße besetzt. Das verlassene Straßennachtlager, hergerichtet aus Stroh, goldglitzernen Wärmefolien, Schlafsäcken, Isomatten sieht bunt und gemütlich aus. Die DemonstrantInnen laufen umher, versorgen sich mit Getränken und Proviant. Die Polizei riegelt die Blockade lediglich an den beiden Stirnseiten ab. Eine lustige Musikantengruppe sorgt für gute Laune. Robin Wood Aktivisten spannen Seile über die Straße, hängen Transparente auf und baumeln dann selbst in luftiger Höhe an Seilen. Inzwischen ist der 9. Castor umgeladen. Per Lautsprecher werden die Blockierer zum 3. Mal von der Polizei aufgefordert, die Straße zu räumen, ansonsten wird die Polizei dies mit ihren erlaubten Mitteln vollziehn. Die Straße füllt sich mit Menschen. Sie sitzen jetzt dicht bei dicht auf ihren Strohsäcken, teilweise fest miteinander verschlungen. Polizeieinheiten säumen die Straßenränder, diesmal ohne Schild und Visir, aber an ihren Gürteln hängen Pistolen, Schlagstöcke, Handfesseln. Wir stehen ihnen am Waldrand gegenüber und schauen in ihre Gesichter. Während diese Einheiten dafür sorgen, dass keine weiteren Demonstranten mehr auf die Staße kommen, tragen 2 bis 4 PolizistInnen die Menschen einzeln hinter die Polizeikette. Nach relativ kurzer Zeit ist die Straße leergeräumt. Zurück bleiben Strohsäcke, Wärmefolien, Isomatten. Nun hängen nur noch die Robin Wood Leute über der Straße. Es wird noch eine Weile dauern, bis auch diese den Weg frei machen müssen für den Castor. Die Straße ist frei für den Castorkonvoi.
Das wollen wir nicht miterleben. Es ist dunkel geworden. Durch den Wald über Gedelitz radeln wir zu unserem Auto. Wir schauen noch in die Trebeler Bauernstuben rein. Dort warten schon einige Journalisten auf die Pressekonferenz. Aber noch sind die 11 Castoren nicht im Zwischenlager angekommen. Dies wird erst gegen 22 Uhr sein. Dann war der Transport von La Hague bis nach Gorleben mehr als 5 Tage unterwegs.
